Das Marschland lag unbewegt unter Reif. Wildgänse zogen darüber, ihre Schreie übertönten das monotone Rascheln ihrer Röcke und das Knirschen ihrer Schritte auf dem gefrorenen Boden.
„Ich wünschte, du hättest mich zum Ball begleiten können“, brach Jantje das Schweigen. Sie konnte Jochim nicht sehen. Wie Scheuklappen zwang die Haube ihren Blick nach vorn. Doch sie kannte jede seiner Gesten, sie waren ihr vertraut wie ihre eigenen. Er würde die Schultern hochgezogen haben in dem unsinnigen Bestreben, sich so vor der Kälte und ihrem leisen Vorwurf zu schützen. „Du weißt, dass es unmöglich war.“ Wind wehte seine Worte davon.
Der Weg zum Meer war gesäumt von weißgefrorenem Sanddorn. Die Dünen warfen sich auf und machten das Gehen beschwerlich. Jantjes Füße sanken ein in den verschneiten Sand, bald strauchelte sie, drohte an ihrem Korsett schier zu ersticken. Wenn er doch ihren Arm nehmen würde.
„Jochim, bitte!“
Aber er war schon vorangegangen, über den letzten Dünenkamm. Die Brise hatte aufgefrischt, riss jetzt an ihren Röcken, ließ Hutbänder und Locken flattern, nahm ihr die Sicht und die Luft.
„Jochim.“
Ihre Stimme war nur ein Flüstern.
Dann endlich der Strand, blau und weiß die Weite von Meer und Schnee. Unberührt. Menschenleer.
Wenn sie nur atmen könnte! Wenn sie nur rufen könnte! Schreien! Wie die Gänse, wie die Möwen!
Jantje sank in den Sand, den erschöpften Blick auf dem Wasser, dem kalten. Die frühe Sonne stand tief, ohne Wärme. Erst zögerlich, dann mit einer unsinnigen Wut gegen Wind und Witterung, gegen Gezeiten und die Zeit, wühlten ihre behandschuhten Finger in Sand und Schnee, bis sie den flachen Steinquader ertasteten, den sie vor einem Jahr hier hat setzen lassen. Sie rieb solange mit ihrem Ärmel darüber, bis er seine Inschrift freigab.
„In Erinnerung an Kapitän Jochim Tietze und die Besatzung der Galeasse Frem, gestrandet im Dezember 1843 an diesen Gestaden. Möge Gott ihren Seelen gnädig sein.“
Prompt: 1843/Verlust
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